Zwischen Wunsch und Wirklichkeit:
Frauen im Sozialstaat
Ein Ländervergleich zwischen Frankreich, Schweden und Deutschland

in : Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament. B 52, 1997

Zusammenfassung
Ein Ländervergleich zwischen den drei Ländern zeigt die unterschiedlichen Auswirkungen der Sozial- und Familienpolitik auf Frauen, die auf kulturelle Muster im Geschlechterarrangement und auf verschiedene Traditionslinien des jeweiligen welfare-mix zurückgehen. In Frankreich ist die Entstehungsgeschichte des Sozialstaats (Etat Providence) eng mit Familien- und Bevölkerungspolitik und einer betrieblichen "patronage" verknüpft. Diese Genese hat zu der im europäischen Vergleich herrausragenden Rolle der Kinderversorgung und der Familienleistungen geführt, was einen positiven Einfluß auf die Erwerbsmöglichkeiten von Frauen hat. In Schweden ist der Sozialstaat durch universelle, für alle gleichen Leistungen, geprägt, der dem Ziel sozialer Gleichheit und auch der Gleichberechtigung verpflichtet sein soll. In Deutschland hingegen ist der Sozialstaat als ein Sozialversicherungsstaat eng mit der Entstehung der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung verbunden. Charakteristisch ist die scharfe Trennung zwischen einer sozialen Sicherung für Erwerbstätige (über die Sozialversicherungen) und für Bedürftige (über Sozialhilfeleistungen) sowie niedrige familienpolitische Leistungen.

Eine historische und aktuelle Analyse der Genese der Frauenrechte in den drei Ländern läßt erkennen, daß auch bei vergleichbaren empirischen Befunden - eine hohe Frauenerwerbsquote in Frankreich und Schweden mit einer flächendeckenden Kinderversorgung über den öffentlichen Sektor - die dahinter liegenden kulturellen Muster völlig verschieden sein können. Der Inhalt der sozialen Rechte ist jeweils ein anderer und damit auch die Impulse für einen Ausbau sozialer Frauenrechte in der Europäischen Union. Aus Frankreich könnte die günstige Möglichkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie übernommen und zu einem verbindlichen Kriterium gemacht werden, um die Mobilität auch der weiblichen Arbeitnehmer in der Europäischen Union zu realisieren. Schweden zeigt, welche Bedeutung der öffentliche Sektor für die Beschäftigung von Frauen haben kann. Dieser sollte von Frauen auch aus politischen Gründen als eine wichtige Arena für Frauenforderungen verteidigt werden. Deutschland schließlich macht deutlich, wie notwendig eine autonome Frauenbewegung und Politik ist, sollen Fraueninteressen nicht als nachrangig gegenüber den zum mainstream der Geschichte erklärten männlichen Interessen werden.[…]