Frauen in der Rentenversicherung
- Auswirkungen des Rentenreformgesetzes auf Frauen aus beiden Teilen Deutschlands und Entwicklungsperspektiven -

in: WSI Mitteilungen, H. 5, 1991

Gliederung

1.
Die unterschiedlichen Rentensysteme aus beiden Teilen Deutschlands
1.1
Geschlechtsspezifisch unterschiedliche Rentenhöhen und deren Ursachen
1.2 Versicherter Personenkreis
1.3   Unterschiedliche Versicherungsjahre bzw. Arbeitsjahre
1.4   Geschlechtsspezifische Lohnunterschiede
2.
Die unterschiedliche Bedeutung abgeleiteter Rentenansprüche in den alten und neuen Bundesländern
3.
Auswirkungen der Umstellung der DDR-Renten auf Frauen - die Rolle des Sozialzuschlags
4.
Übernahme des bundesdeutschen Rentenrechts: noch nicht geklärte Fragen bei der Berechnung der Rentenanwartschaften
5. Resumee


Zusammenfassung

Als am 9. November 1989 zeitgleich mit dem Fall der Mauer das Rentenreformgesetz 1992 (RRG `92) im Deutschen Bundestag verabschiedet wurde, haben wahrscheinlich wenige Politiker geahnt, daß sie an diesem Tage über die zukünftige Ausgestaltung der Alterssicherung für Gesamtdeutschland abstimmen. Denn nur einige Monate später wurde mit der Unterzeichnung des Staatsvertrages am 18. Mai 1990 festgeschrieben, daß das bundesdeutsche Rentenrecht auf die ehemalige DDR zu übertragen sei und damit auch das Rentenreformgesetz, das 1992 mit Übergangsregelungen in Kraft tritt.
Das Rentenrecht spielt in dem Einigungsprozeß eine wesentliche politische Rolle. Bei der Angleichung der Existenzsicherung im Alter stellt sich die Frage nach dem materiellen und qualitativen Gehalt zukünftiger Renten, dem Verhältnis von eigenständiger zu abgeleiteter Sicherung. Mit der Rechtsangleichung findet auch unausgesprochen ein Systemvergleich statt, denn mit dem "Sieg" der lohnzentrierten Rentenversicherung hat sich ebenfalls eine bestimmte Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur durchgesetzt. Wie stark die Ausgestaltung der Alterssicherung bereits in den 50er Jahren unter dem Aspekt der Wiedervereinigung und des Systemvergleichs gesehen wurde, zeigt folgendes Zitat von Oswald von Nell-Breuning zu den Auswirkungen, die die Rentenreform von 1957 auf den anderen Teil Deutschlands haben wird: "Wenn sie drüben jenseits des eisernen Vorhangs, von diesem Plan (der 57er Rentenreform) und der ihn tragenden sittlichen Haltung sich ein treffendes Bild zu machen imstande sind, dann bedeutet er heute bereits ein Pluspunkt in ihrer Wertung der Bundesrepublik und sie werden den Tag herbeiwünschen, an dem sie an ihm teilhaben dürfen".
Von Nell-Breuning hat in einem wesentlichen Punkt Recht behalten: langfristig hat sich das dynamische Rentensystem der Bundesrepublik gegenüber der statischen Altersversorgung der ehemaligen DDR durchgesetzt. Das DDR Rentensystem wird zugunsten des bundesdeutschen Rentenrechts als die "bessere Adresse" abgeschafft.

Im folgenden wird auf die Auswirkungen der Übernahme des bundesdeutschen Rentenreformgesetzes auf Frauen aus der ehemaligen DDR eingegangen und davon ausgehend das Rentenreformgesetz 1992 aus einer Ostperspektive analysiert, um mögliche Entwicklungsperspektiven aufzuzeigen. Die Konzentration auf Frauenrenten aus Ost-und Westdeutschland ist notwendig, da in beiden Alterssicherungssystemen weibliche Versicherte bereits die Mehrzahl darstellen: in der Bundesrepublik sind in der Arbeiterrentenversicherung rund 56 vH der Versicherten Frauen und 45 vH Männer; in der Angestelltenversicherung sind es 61 vH Frauen und 40 vH Männer . In der ehemaligen DDR gingen 53% aller Versichertenrenten (1. und 2. Leistung) an Frauen.[…]