Geschlechterkonflikt in der Arbeit: Auseinandersetzung mit der bayerisch-sächsischen Zukunftskommission

erschienen in: Feministische Studien, Sonderheft, März 2000

Die Arbeitsgesellschaft im neuen Jahrtausend wird nicht mehr die Industriegesellschaft alter Prägung mit den die Gesellschaft strukturierenden Standards eines männlich geprägten Normalarbeitsverhältnisses sein. Wie sich die Arbeitsgesellschaft jedoch entwickeln wird, ist völlig offen. Birgt der Rückgang des Erwerbsarbeitsvolumens nur Risiken und führt er zu einem weiteren Anwachsen der Arbeitslosigkeit oder eröffnen sich durch einen Bedeutungswandel von Arbeit und Geschlechterrollen auch emanzipatorische Perspektiven?

Bisher wird die Erosion der Industriearbeitsgesellschaft vorrangig unter dem Aspekt der Zerstörung und des Verlustes an Arbeitsplätzen diskutiert. Arbeitsmarktstudien zeigen den teilweise dramatischen Abbau von normalen und die Zunahme von prekären, häufig nicht versicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen. Diese Entwicklung bedroht die normativen Grundlagen und den gesellschaftlichen Konsens, die mit dem Fordistischen Modell industrieller Arbeitsbeziehungen und dem Keynesianischen Wohlfahrtsstaat verbunden waren. In den Debatten um die Folgen dieser qualitativen Veränderungen auf die Arbeitsmarktentwicklung und auf die weitere Ausgestaltung des Sozialstaates wird zumeist übersehen, daß das Normalarbeitsverhältnis zwar das vorherrschende, jedoch nicht das ausschließliche Arbeitsverhältnis in der Geschichte der Bundesrepublik gewesen ist. Es waren Frauen, die immer schon „anders“, d.h. in nicht versicherungspflichtigen, prekären und zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnissen gearbeitet haben. Erst in jüngster Zeit hat Frauenerwerbsarbeit in den sog. Normalarbeitsverhältnissen zugenommen. Bei genauerer bzw. bei einer gender-sensiblen Betrachtung der Entwicklung der Arbeitsgesellschaft gibt es demnach zwei gegenläufige Bewegungen: einerseits nehmen die Normalarbeitsverhältnisse in den klassischen Industriesektoren mit Arbeitsplatzverlusten von Männern ab, andererseits nehmen sie bei Frauen zu. Es hat in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie so viele Frauen in Normalarbeits-verhältnissen gegeben wie heute. Gleichzeitig nehmen die prekären Arbeitsverhältnisse bei beiden, bei Frauen und Männern, zu.

In dieser Situation, in der die Standards der Industriegesellschaft nicht mehr die normative Kraft für die Gesamtgesellschaft entfalten, sich andererseits neue konsensstiftende Arbeitsbeziehungen noch nicht abzeichnen, sind in den 90er Jahren eine Reihe von Zukunftskommissionen mit Modellen unterschiedlicher Zukunftsperspektiven an die Öffentlichkeit getreten, die gerade von Feministinnen heftig kritisiert worden sind: Die von den jeweiligen Landesregierungen eingesetzte „Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen: Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland. Entwicklung, Ursachen und Maßnahmen“ (1996 und 1997), die in ihrer dreibändigen Studie unter der Federführung des Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlers Meinhard Miegel und unter Mitarbeit u.a. von Ulrich Beck das Konzept einer Gesellschaft vorlegt, die sich von der „arbeitnehmerzentrierten Industriegesellschaft“ in eine „unternehmerische Wissensgesellschaft“ entwickeln soll, sowie die „Zukunftskommission der Friedrich-Ebert-Stiftung: Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sozialer Zusammenhalt, ökologische Nachhaltigkeit. Drei Ziele – ein Weg“ (1998), (einige der Autoren und Autorinnen: Stephan Leibfried, Hildegard Maria Nickel, Ilona Ostner, Fritz W. Scharpf) mit einem Konzept zur Reform des „Modell Deutschland“ und der Bericht an den Club of Rome von Giarini und Liedke: Wie wir arbeiten werden“ (1998), um nur die bekanntesten zu nennen.

Ich werde mich im folgenden mit der Kommission der Freistaaten Bayern und Sachsen auseinandersetzen, mit ihren Sichtweisen der Entwicklung der Arbeit unter dem gender-Aspekt und mit einzelnen Problemen vor dem Hintergrund neuerer empirischer und theoretischer Arbeiten. Ich greife dabei drei Einzelaspekte heraus, die mir für feministische Diskussions- und Forschungszusammenhänge besonders relevant erscheinen: erstens, der von der Bayerisch-Sächsischen Zukunftskommission gesehene enge Zusammenhang zwischen Beschäftigungskrise und steigender weiblicher Erwerbsorientierung, zweitens die von der Kommission vorgeschlagenen Anpassungsstrategien zur Reduzierung des (weiblichen) Arbeitskräftepotentials und drittens die eher unterschwellige Annahme, daß die Zunahme weiblicher Erwerbstätigkeit eine Bedrohung für das männliche Normalarbeitsverhältnis und für die Familie darstelle. Anschließend soll die doppeltstrukturierte Krise der Arbeit als Geschlechterkonflikt und als Erosion des Normalarbeitsverhältnisses (Holst/Maier 1998) oder weitergefaßt, als sozialer Konflikt (Kurz-Scherf 1997) behandelt und versucht werden, hieraus weitergehende Perspektiven zu entwickeln.[…]